
Der Moment, in dem ich als Schüler erstmals verstand, wie Architektur Begegnung ermöglicht und soziale Dynamiken formt, weckte in mir den Wunsch, Architekt zu werden, um genau solche gemeinschaftsstiftenden Räume zu schaffen.

Zu Beginn eines neuen Jahres lohnt es sich, den Blick auf Projekte zu richten, die über ihre Zeit hinaus wirken. Orte, an denen Architektur nicht nur gebaut, sondern gesellschaftlich gedacht wurde. Sie erzählen davon, wie Verantwortung, Haltung und Gestaltung zusammenfinden können.

Soziale Innovation hinter historischer Fassade
Die Wohnanlage Peterstraße
Inmitten der Hamburger Neustadt findet sich ein besonderes Beispiel für den Einklang von Denkmalschutz und sozialer Verantwortung: die Gebäude der Carl-Toepfer-Stiftung in der Peterstraße. Die Anlage ist weit mehr als eine blosse Sanierung und Neubau – sie ist das Ergebnis einer visionären Rekonstruktion, die im Jahr 1968 ihren Anfang nahm.


Hanseatischer Geist und Mut zur Tradition
Die Gebäude wurden eng an die im Krieg zerstörten Originalbauten angelehnt, wobei teilweise originale Baupläne für den Wiederaufbau genutzt wurden. In einer Zeit, in der moderne Architektur als Symbol für Wohlstand und Fortschritt massiv bevorzugt wurde, bewies die Stiftung Mut zu neuen Wegen: Man entschied sich bewusst gegen eine moderne Gestaltung und für den Erhalt des historischen Charakters. Der hanseatische Geist des Werterhalts stand hier im Vordergrund. So blieb neben den wenigen, nicht vom Krieg zerstören Gebäude in der Peterstrasse der soziale Charakter des ursprünglichen Gängeviertels – das gemeinschaftliche und gemütliche Miteinander – gewahrt und wurde mit modernen Standards bei Trinkwasser, Abwasser und Belüftung sinnvoll aufgewertet.
Bezahlbarer Wohnraum mit durchdachtem Grundriss
Es ist dem Gründer der Stiftung Stiftung seinerzeit gelungen, bezahlbaren Wohnraum mit deutlich verbesserter Hygiene direkt im Innenstadtbereich zu schaffen. Die Wohnungen sind ein Musterbeispiel für funktionale Effizienz. Anders als bei üblichen Neubauten in den 1960er Jahren, wo 1-Zimmerwohnungen oft die Küche direkt am integrierten Wohn- und Schlafraum gelegen waren. Ob diesen Wohnungen wird über eine "kleine Diele" das kompakte Duschbad, die Küche und der Wohnraum erschlossen. Letzterer bietet durch eine abgetrennte Schlafnische Privatsphäre auf kleinem Raum. Besonders hervorzuheben ist die für die 1960er Jahre ungewöhnlich gute technische Ausstattung, die ihrer Zeit voraus war.
Einfachheit als Garant für Wohnqualität
Gerade die bewusste Schlichtheit der Gebäude hat dazu beigetragen, dass sie genau so erhalten geblieben sind, wie sie ursprünglich konzipiert wurden. Sie sind unkompliziert in der Instandhaltung und hervorragend nutzbar. Ohne gehobenen Luxus wird hier eine sehr gute Wohnqualität für 1- bis 2-Personen-Haushalte verfügbar – ein Konzept, das sich auch für Bewohner:innen im höheren Alter bestens bewährt hat. Durchgehende Fensterbänder sorgen zudem für helle, gut belüftbare Räume.
Die Hofanlage: Eine Oase mit lebendigem Mittelpunkt
Die liebevoll gepflegte Gartenanlage mit ihrer schönen, zentral liegenden Terrasse und dichten Bepflanzung bildet das Herzstück der Siedlung. Ein besonderes Symbol der Gemeinschaft ist der kleine Springbrunnen: Sollte er aus technischen Gründen einmal stillstehen, wenden sich die Bewohner:innen sofort an die Verwaltung – ein Zeichen für die tiefe Identifikation mit ihrem Zuhause.
Trotz des täglichen Touristinnenstroms bleibt der Innenhof eine geschützte Oase der Ruhe und ein lebendiges Beispiel für nachhaltigen, sozialgetechten Wohnungsbau.
Welche Projekte prägen langfristig unsere Städte und Nachbarschaften?
Wir freuen uns über Gedanken, Perspektiven und den Austausch zu Architektur, die Verantwortung übernimmt.







